Ughhh! Pferdeverhalten

Tage seit Liam zuletzt ein sehr braves Pferd war: 0 Tage

Tage seit Liam ein kleines A****loch war: 1 Tag

😦

Gestern mittag hätte ich noch sagen können: Tage seit Liam zuletzt ein kleines A****loch war: 400 Tage? Keine Ahnung um ehrlich zu sein, wann das letzte mal ein ‚ernsthaftes Erziehungsmoment‘ zwischen uns stattfand.

Aber gestern hat Liam sich abrupt entschieden, dass er keine Wurmkur möchte, und dem entgeht, indem er ordentlich steigt. Vorneweg: ein Pferd, das ‚dominantes‘ Verhalten zeigt, ist nicht bösartig – es testet, ob an der ‚Rangordnung‘ was zu rütteln ist. Also hat Liam gelernt, dass es nur 2 Möglichkeiten gibt: galoppieren was das Zeug hält, oder Wurmkur. Liam hat nur 2 Anläufe gebraucht, um zu verstehen, dass er bei dem leisesten Anzeichen von Steigen oder Kopf hoch BESTIMMT und LAUT in den Galopp geschickt wird.

Das hat hervorragend funktioniert, und er hat seine Wurmkur sehr kleinlaut genommen, aber in Zukunft werden wir daran üben müssen: natürlich ist Pressure-Release/operante Konditionierung eine tolle Methode, um – wie hier – schnell was zu klären. Aber ab jetzt werden wir mit einer Spritze voll Wasser/Apfelmus üben mit dem Clicker.

Es ist gut, dass unsere ‚Rangordnung‘ kristallklar gemacht worden ist, und der Clicker hat bei einem Pferd, das ‚dominantes‘ Verhalten zeigt, seine Schwächen. Trotzdem ist es deutlich besser, dass Liam motiviert ist, sein Verhalten meinen Wünschen entsprechend zu ändern.

‚Rangordnung‘ und ‚dominant‘ sind in Anführungszeichen, weil ich durchaus weiß, dass die Forschung aktuell mehrheitlich diese Thesen widerlegt. Wenn ich ehrlich bin, habe ich ein peinliches Halbwissen was Pferdeverhalten angeht… Und wenn ich ehrlich bin, ist mein Vorbild in allen Sachen trotzdem Rockie, Liams ranghoher Kollege: wenn Rockie was klärt, dann ist er nicht zimperlich; und wenn es geklärt ist, dann ist er entspannt und umgänglich. Aber ich will ein paar relevante Meinungen zitieren:

natürlich Marlitt Wendt, z.B. hier http://www.pferdsein.de/?p=3987:

„Die heutige Sicht der Verhaltensforschung auf die Pferdeherde sieht in ihr eine kooperative Gemeinschaft von Individuen. Jedes Pferd spielt eine bestimmte individuelle Rolle. …Die Dominanztheorie hat sich durch keine einzige Untersuchung der Verhaltensbiologie bestätigen lassen, aber ihr Reiz und damit ihre weite Verbreitung in Reiterkreisen basiert daher wohl auf dem psychlogischen Effekt, dass sich ihre Anhänger in der Rolle des alles bestimmenden Alphatieres einfach zu gerne selber sehen möchten.“

oder z.B. unter http://epona.tv/blog/2014/october/joining-up-the-dots zum Thema Monty Roberts von Julie Taylor:

„There is no evidence that horses chase each other around in the wild in order to obtain submission. There is not even any evidence that submission is a factor in natural horse herds. Even if you take horses out of their natural environment and put them in a round pen together, they still don’t do join up. Yes, someone actually did that study and data collection must have been so boring because there was not much running around in circles or anything else we have come to associate with the term join up. There was mostly horses standing around going ”huh?” and ”whatever!”. Licking and chewing was done facing away from the senior horse, which would indicate that these behaviours were not for her benefit.

To discuss this we’re first going to need to separate what we know about the concepts ”accepting as leader” and ”following around.” Horses don’t have leaders as in one horse that everyone follows around. The idea that there is an all knowing matriarch with supreme authority who initiates all the movement and calls all the shots is entirely baseless. She doesn’t exist, so you can’t take her place. There is no evidence to substantiate the alpha mare theory. It’s just a lie you bought because it flattered your ego and eased your fear of losing control. Possibly helped along by observations you have made of hierarchial social structures among your domestic horses and which you subsequently mistook for natural social behaviour.“

Oder hier, über die Motivation von Pferden, von demselben Blog unter http://epona.tv/blog/2013/april/mirror-mirror:

„If your horse bites, he bites. He is not right or wrong to do so. He simply bites. If he bucks, he bucks. He is not right or wrong to do so. He simply bucks. If you want him to not bite or not buck, you can modify his behaviour by arranging it so that he is more motivated to perform more peaceful behaviours. It’s that simple. What is not simple is to alter some „attitude“ which very possibly never existed in the first place.

Your horse looks out for himself. That doesn’t make him bad, no matter how dangerous or annoying the behaviour he uses to try to reach his objective. If you want to be around someone who feels a moral obligation to be nice to you even if they don’t care for you and you are standing in their way, a horse barn is the wrong place to hang. Just as you can’t know what your horse is thinking, he can’t know what you’re thinking either.“

Und dann denke ich noch an ein Interview von Dr. Wynne unter http://www.radiolab.org/story/91702-animal-blessings/:

„‚But i think it would be a mistake to mistake the love we feel for out dogs is the same feeling that the dog has back to us‘. … ‚When you pet your dog and it wags its tail and it seems happy to see you do you just, like, not trust that?‘ So let me make clear that I wear two hats: when i’m talking about a dog, particularly a pet of my own, I’m aware I have two possible hats I can wear: and one is that when the dog pants back at me, I just hug the dog, and you know, let him kiss me. That’s, that’s life with a dog. But if I’m now wearing my scientific hat, I’m getting my blanket as wet as I possibly can, then I ask myself: what do these behaviours mean among dogs?'“

Und das finde ich interessant: Verhalten ist der einzige Teil, der beobachtbar ist, aber davon auszugehen, dass das Verhalten vom Pferd keine Intention (’no attitude‘) hat, ist solipsistisch. Dieser Wissenschaftler legt im Umgang mit seinem Hund seine professionelle Skepsis ab, und geht dann DOCH davon aus, dass man einem Verhalten eine Intention/Emotion zuschreiben kann.

–> lange Rede kurzer Sinn: ich gehe trotzdem davon aus, dass das ein dominantes Verhalten war….

Ich bin mir sicher, ich habe einiges vereinfacht oder vielleicht falsch verstanden, und sollte sich jemand hierher verirren, der/die Licht ins Dunkele bringen kann, wunderbar!!!:) Leider kann man sich ja nicht jeden Fachbereich aneignen…

Naja… an fast allen anderen Tagen ist Liam ein liebes Pony, und wir kommen bestens klar… Wir werden jetzt üben mit positiver Verstärkung, dass Entwurmen einfach zum täglichen Miteinander gehört, wie Hufeausschneiden und Reiten.

Liam wird wissen: So macht man es einfach!

PS: ich weiß, ich hätte wahrscheinlich bessere, peer-reviewed Quellen suchen sollen, aber für die heutige kritische Reflektion in Sachen Erziehung werden diese reichen müssen:)

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Ein Gedanke zu „Ughhh! Pferdeverhalten

  1. Pingback: Halbherzig beim Pferd sein… | Hunnenpony

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